85 Jahre Schweizer Brandmeldetechnik

Als 1941 in Bad Ragaz zwei Schweizer Physiker die Cerberus GmbH gründeten, ahnte niemand, dass hier der Grundstein für eines der weltweit bedeutendsten Unternehmen der Brandmeldetechnik gelegt wurde. Was als experimentelles Labor begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Industrieperle, deren Erfindungen den Brandschutz nachhaltig prägten. Diese Schweizer Erfolgsgeschichte wird laufend weitergeschrieben – seit 1998 unter dem Dach von Siemens.

Siemens Campus
Der Siemens Campus in Zug aus der Vogelperspektive.
Quelle: Siemens

Die Erfolgsgeschichte der Brandmeldetechnologie nahm 1940 richtig Fahrt auf mit einem Artikel, den Walter Jaeger in einem Schweizer Fachmagazin veröffentlichte: «Die Ionisationskammer als Feuermelder». Ursprünglich wollte der ETH-Physiker Ionisationskammern entwickeln, die Giftgase erkennen konnten. Zu diesem Thema hatte Jaeger bereits ab Mitte der 1930er-Jahre in seinem Elternhaus in Maienfeld geforscht, ein privates Testlabor eingerichtet und erste Prototypen entwickelt. Anfänglich jedoch erfolglos, denn die Geräte reagierten kaum auf die Gase. Der Legende nach war es Zigarettenrauch – Jaeger war starker Raucher – der den entscheidenden Hinweis lieferte: Das Ionisationsprinzip reagierte auf Rauchpartikel wesentlich zuverlässiger als auf toxische Gase. Seine deutschen Patentanmeldungen vom 2. Dezember 1936 «Einrichtung zur Anzeige von Veränderungen eines Gases oder Gasgemisches» und vom 9. Juni 1937 «Feuer- und Rauchmelder» legten den technischen Grundstein für die moderne automatische Brandfrüherkennung. Aus einem Zufall wurde eine Idee und aus der Idee wurde ein Produkt, das eine ganze Branche verändern sollte.

Zwei Physiker und der Aufbau von Cerberus

Neben Walter Jaeger (1912–2005) spielte Ernst Meili (1913–2006) eine prägende Rolle. Auch er war Physiker, Absolvent der ETH Zürich und Studienfreund von Jaeger. Die enge persönliche Zusammenarbeit der beiden bildete die intellektuelle und technische Basis des späteren Erfolges.

Zu Beginn kämpfte das kleine Unternehmen, das seinen Firmensitz 1941 im ehemaligen Hotel Bristol in Bad Ragaz eingerichtet hatte, mit finanziellen Engpässen: die Entwicklung war teuer, der Markt noch unbekannt. Den finanziellen Befreiungsschlag gelang ab dem Jahr 1944 mit dem Einstieg der Elektrowatt AG, die dem jungen Unternehmen genügend Kapital und Stabilität verschaffte. Als sich Walter Jaeger 1946 aus der Cerberus AG zurückzog, übernahm Ernst Meili die Geschäftsleitung – und führte die Firma in eine neue Ära.

Elektrowatt und die Rolle im industriellen Umfeld

Die Elektrowatt AG war übrigens auch eine sehr wichtige Partnerin beim Zusammenschluss der Siemens AG, Zürich und der Albiswerk Zürich AG im Jahr 1971. An der damals gegründeten Siemens-Albis AG hielt Elektrowatt zuerst 20 %, der Aktienanteil wurde später auf 22 % erhöht. Erst im Jahr 1996 – beim Namenswechsel zur Siemens Schweiz AG – zog sich Elektrowatt aus dem Aktionariat zurück. Die wirtschaftlichen Kontakte blieben jedoch weiterhin bestehen, was kurze Zeit später bei der Siemens-Übernahme des Industrieteils der Elektrowatt AG (Landis & Gyr, Landis & Stäfa, Cerberus usw.) von zentraler Bedeutung war.

Erste Zusammenarbeit mit Siemens

Berührungspunkte von Cerberus mit der Firma Siemens gab es bereits sehr früh. Am 13. Dezember 1949 wurde ein Vertretungsvertrag unterzeichnet, welcher der Siemens & Halske AG das exklusive Vertriebsrecht für die Cerberus-Ionisationsbrandmelder in Deutschland einräumte. Aus dieser ersten Vereinbarung entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die sich als sehr fruchtbar erwies: Siemens brachte sein internationales Vertriebsnetz und seine Marktstärke ein, während Cerberus die innovative Technologie der Brandfrüherkennung beisteuerte.

Der technische Durchbruch: Vom Laborprodukt zur Serienfertigung

1946 brachte Cerberus eine erste Generation marktreifer Rauchmelder auf den Markt. Doch erst mit der Modellreihe F3, die 1951 erstmals an der Mustermesse Basel (Muba) präsentiert wurde, gelang der Firma der kommerzielle Durchbruch. Diese Ionisationsrauchmelder waren robust, zuverlässig und erstmals industriell reproduzierbar. Der Erfolg war so gross, dass Cerberus bald expandieren musste. 1958 verlegte das Unternehmen seinen Sitz nach Männedorf am Zürichsee und baute dort eine moderne Fabrik. Zusammen mit Neueinstellungen aus der Umgebung erreichte die Firma damals einen Personalbestand von 200 Mitarbeitenden.

Schweizer Präzision trifft Elektronik

Die 1960er Jahre stehen für den Übergang von der elektromechanischen zur elektronischen Technik. Cerberus investierte stark in die Forschung und nutzte die aufkommende Transistortechnologie, um die bisherigen Röhrenmelder abzulösen. 1967 brachte das Unternehmen erste transistorisierte Rauchmelder auf den Markt, die kleiner, energieeffizienter und zuverlässiger waren als ihre Vorgänger. Viele Kunden setzten jedoch noch einige Jahre weiterhin auf die als sehr zuverlässig bekannte Glimmrelais-Technologie.

Mit zunehmender Anzahl von Brandmeldeanlagen und der Bewährung dieser Technologie stieg die Anerkennung bei Brandschutzbehörden und Versicherungen. Dennoch erhielten Hersteller und Anlagenerrichter kaum Mitsprache bei der Gestaltung von Brandschutzvorschriften. Um diesem Umstand entgegenzuwirken, initiierten Cerberus und Siemens im Jahr 1970 die Gründung des europäischen Verbandes der Hersteller von Brandmeldeanlagen, EURALARM. Dank dieser Initiative konnte das Bewusstsein für 2 Frühwarnbrandmeldesysteme bei Behörden und Versicherern gestärkt sowie ein umfassendes, europaweit harmonisiertes Normensystem geschaffen werden.

Weltweite Expansion und Professionalisierung

In den 1970er Jahren entwickelte sich Cerberus endgültig zu einem globalen Player. Bis zu seinem altersbedingten Rücktritt als Delegierter des Verwaltungsrates Ende 1978 war Ernst Meili Dreh- und Angelpunkt der Firma Cerberus. Ende der 1970er-Jahre beschäftigte die Firma weltweit mehr als 3000 Mitarbeitende, davon 1400 in der Schweiz. Auch in den 1980er-Jahren wurden Filialen und Vertriebsgesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien aufgebaut oder erweitert. Parallel zu diesem Wachstum vollzog Cerberus einen strategischen Wandel: Es entwickelte sich vom Gerätehersteller zum Systemanbieter. Nicht mehr nur einzelne Melder, sondern komplette Brandmeldesysteme, Gaswarnanlagen sowie Zutritts- und Sicherheitstechnik prägten das Portfolio. Dieser Schritt legte die Grundlage für moderne, vernetzte Gebäudesicherheitssysteme.

Digitalisierung und Integration in Siemens

In den 1990er Jahren erreichte Cerberus eine neue technologische Stufe. Mit Systemen wie AlgoRex brachte das Unternehmen softwaregestützte, modulare und vernetzbare Brandmeldeanlagen auf den Markt – Vorläufer der heutigen digitalisierten Gebäudetechnik.

Mitte der 1990er-Jahre strukturierte die Holdinggesellschaft Elektrowatt AG ihre industriellen Beteiligungen neu. 1996 wurden Fusionspläne mit der Siemens AG kommuniziert. Die Wahl fiel auf Siemens, die ihre Aktivitäten im Bereich Gebäudetechnik gezielt ausbauen wollte. Nach umfangreichen Integrationsarbeiten erfolgte der offizielle Übergang am 1. Oktober 1998: Cerberus wurde ein wichtiger Teil der neu gegründeten Siemens-Geschäftseinheit Building Technologies.

In den Jahren 2002 und 2005 wurden die Standorte Stäfa und Männedorf in den Standort Zug integriert. 2019 wurde die Geschäftseinheit in Siemens Smart Infrastructure (SI) umbenannt und beschäftigt heute weltweit 79 400 Mitarbeitende.

Am SI-Hauptsitz in Zug befinden sich unter anderem die hochautomatisierte Brandmelderfertigung, zentrale Forschungsaktivitäten sowie ein modernes Fire Lab. 2004 wurde das Sinteso-Brandmeldeportfolio eingeführt. Mit dem neuen Portfolio «Sinteso Nova» und «Cerberus Nova», das Ende März 2026 weltweit erstmals präsentiert wird, beginnt ein weiteres Kapitel der Brandmeldetechnologie.

siemens.ch