Noah Heynen: «Photovoltaik ist mit Abstand die günstigste Energieform»

Der Weg zur klimaneutralen Schweiz ist nur mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien zu meistern. Das weiss Noah Heynen, CEO und Co-Gründer von Helion, schon lange. Wir haben mit ihm über Chancen und Risiken der Energiewende gesprochen – und dabei auch ein wenig über den Tellerrand geschaut.

Noah Heynen
Quelle: Helion

Der Bund plant, bis 2050 rund 40 Prozent des Strombedarfs durch Photovoltaik abzudecken – das Ja zum Mantelerlass bekräftigt diese Aussage zusätzlich. Das sind erfreuliche Nachrichten für die Solarbranche und dürfte Sie sehr glücklich machen, oder?

Noah Heynen: Das sind hervorragende Neuigkeiten, denn das Ja zum Mantelerlass war ein grosser Schritt in Richtung «100 Prozent erneuerbare Schweiz». Das ist bemerkenswert, denn noch vor wenigen Jahren hiess es, Photovoltaik eigne sich nicht für die Schliessung der Stromlücke – und heute gilt sie als offizielles Mittel, die wegfallende Kraftwerks-Energie sowie den zusätzlichen Mehrverbrauch zu ersetzen. Das ist auch bitternötig, denn wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir zwangsläufig in eine Stromlücke geraten. Dafür sind vor allem zwei Faktoren verantwortlich: Irgendwann in den nächsten Jahren werden unsere Kernkraftwerke abgeschaltet und gleichzeitig werden wir in Zukunft durch Wärmepumpen und Elektroautos aber viel mehr Energie verbrauchen. Diese entstehende Lücke beträgt rund 45 TWh. Es gibt also viel zu tun, denn der Ausbau an Wasserkraft ist begrenzt und mit Windturbinen tun wir uns auch etwas schwer. Damit können wir also nur einen sehr kleinen Teil auffangen. Für den ganzen Rest haben wir jedoch glücklicherweise eine Technologie mit enormen Möglichkeiten, nämlich die Photovoltaik. Hier gilt es, die verschiedenen Potenziale zu berücksichtigen und möglichst gut umzusetzen.

Was wären diese Potenziale?

Noah Heynen: Das eine Potenzial bezeichne ich gerne als das «Hürdenpotenzial». Das sind alpine Anlagen oder solche auf Freiflächen, die mit Hindernissen verbunden sind. Beispielsweise dem Schutz des Ortsbilds oder der Erstellung von Netzzuleitungen. Dann gibt es das «Just-do-it-Potenzial» auf unseren Dächern und Fassaden. Es stört niemanden, ist einfach umzusetzen und es gibt mehr als genug Dachflächen, um einen Anteil von 50 Prozent Photovoltaik in der Schweiz abzudecken – das Potenzial liegt sogar bei weit über 100 TWh.

Sie haben es erwähnt, die Windenergie hat es in der Schweiz schwer. Was machen wir also im sonnenarmen Winter, wenn gerade die Windkraft gute Möglichkeiten böte, eine Lücke zu schliessen?

Noah Heynen: Die Winterthematik ist sogar noch dramatischer als die allgemeine Stromlücke, denn wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir in den Wintermonaten Jahr für Jahr mehr Strom importieren müssen. Was ist die Lösung? Der einfachste Weg ist ein massiver Ausbau der Solarenergie! Man könnte zum Beispiel so viele Solaranlagen bauen, dass auch der Winteranteil gross genug ist, um die Lücke zu schliessen – allerdings mit dem Nachteil, dass wir im Sommer dann zu viel Energie haben.

Dafür haben Sie bestimmt auch eine Lösung …

Noah Heynen: Studien zeigen, dass dies trotz grossflächigem Ausbau die kostengünstigste Art ist, eine Stromversorgung aufzubauen und Engpässe zu schliessen. Überschüssigen Strom können wir entweder «entsorgen», in dem wir PV-Anlagen drosseln, oder intelligent nutzen, zum Beispiel zur Herstellung synthetischer Treibstoffe, die dann flexibel einsetzbar sind. In der Schweiz besitzen wir mit unseren Stauseen jedoch eine weitere Möglichkeit zur Überschussnutzung. Die Stauseen sind zu Beginn des Winters voll und leeren sich dann kontinuierlich. Das zeigt sich auch in der Energiemangellage, welche im Frühjahr am ausgeprägtesten ist. Die Sonnenkraft ist dann aber bereits wieder sehr stark, sodass PV-Energie die entstehende Lücke perfekt schliessen kann.

Auf dem Papier klingt das alles grossartig. Nun mehren sich dennoch die Stimmen, die nicht ganz ihrer Meinung sind und sogar die Aufhebung des AKW-Bauverbots fordern, da ohne diese eine Mangellage nicht zu bewerkstelligen sei. Wie begegnet man diesen?

Noah Heynen: Aus meiner Sicht leistet diese Diskussion keinen Beitrag zur Lösung unserer aktuellen Herausforderungen. Ich halte es hier mit Bundesrat Albert Rösti: Wir brauchen schnell neue Energieanlagen und das können nur erneuerbare sein. Heute will kein Stromkonzern mehr Geld in ein neues Kernkraftwerk investieren. Zum einen ist es im Vergleich zu Solar- oder Windenergie viel zu teuer. Zum anderen passt es nicht mehr zur Stromnutzung und der Energiewelt der Zukunft, weil es nonstop Strom produziert. Zu guter Letzt: Bis ein Kernkraftwerk fertiggestellt ist, haben wir so viel Photovoltaik zugebaut, wie mehrere AKWs zusammen produzieren könnten.

Die AKW-Fantasien lenken leider ab von den aktuellen Herausforderungen.
Noah Heynen, CEO und Co-Gründer von Helion

Schaffen wir denn diesen starken Photovoltaikausbau ohne Pflicht?

Noah Heynen: Ich hoffe, ja. Photovoltaik ist ökologisch, hoch rentabel und am Ende sogar recyclebar – wenn jeder die Vorteile von PV kennen würde, ginge der Ausbau noch viel schneller vonstatten. Falls es eine Pflicht bräuchte, würde wohl schon eine moderate Variante, beispielsweise ein PV-Zubau bei Sanierungen, reichen. Ich mache mir hier aber wenig Sorgen. Wenn das Wachstum so weitergeht wie in den letzten Jahren, werden wir die Ziele locker erreichen.

Nun braucht es für den Ausbau nicht nur Genehmigungen, Willen und Material, sondern insbesondere auch Fachkräfte. Haben wir genügend Fachkräfte für die Energiewende?

Noah Heynen: Die Energiewende wird zu 100 Prozent nicht an den Fachkräften scheitern. Der Bund hat die Weichen mit den neuen Ausbildungen im Solarbereich leider etwas spät gestellt, sodass sich die Branche selbst organisieren musste – das hat sie aber mit Bravour gemeistert. Mit unserem Trainings-Center konnten wir beispielsweise bereits zahlreiche Quereinsteiger selbst ausbilden.

Trotz Verspätung, wie wichtig ist der Schritt, dass es nun eine offizielle Solar-Ausbildungen gibt?

Noah Heynen: Das ist unendlich wichtig. Man kann keine Industrie aufbauen, wenn die Basis an gut ausgebildeten Nachwuchskräften fehlt. Die Nachfrage bei uns bestätigt die Wichtigkeit. Wir haben viele Schnupperlehren bei uns und auch bereits fünf Lehrlinge unter Vertrag. Längerfristig möchten wir acht bis zehn Lernende pro Jahr ausbilden.

In der Selbstorganisation der Ausbildung punktet Helion ebenfalls mit einem ganz speziellen Konzept …

Noah Heynen: Die Herausforderung, Quereinsteiger fit für die Arbeit in der PV-Industrie zu machen, ist gross. Wenn man diese neuen Fachkräfte «im Feld» trainiert, geht wichtige Zeit verloren. Deshalb haben wir dieses Problem pragmatisch gelöst und bei uns in Zuchwil ein Übungs-Einfamilienhaus mit Schräg- und Flachdach und 14 Installationsplätzen gebaut. Mit unserem Schulungszentrum können wir alle Eventualitäten abdecken, sei es Gerüstbau, Dacharbeiten, Elektroinstallationen oder die Inbetriebnahmen. Nur dank diesen Ausbildungen vor Ort konnten wir unser Wachstum der vergangenen Jahre meistern.

Die Energiewende wird zu 100 Prozent nicht an den Fachkräften scheitern.
Noah Heynen, CEO und Co-Gründer von Helion

Ihr engagiert euch ausserdem beim Projekt «Refugees go solar+». Was genau darf man sich darunter vorstellen?

Noah Heynen: Refugees go solar+ ist ein geniales Programm, der Flüchtlingen die Chance gibt, sich in die Arbeitswelt der Solarbranche zu integrieren. In einem Praktikum erlernen sie die Grundlagen der Solartechnik und erhalten so eine realistische Chance auf eine langfristige berufliche Anschlusslösung im Arbeitsmarkt. Das Programm ist überaus erfolgreich und auch wir konnten bereits zehn Festangestellte und rund 20 Praktikanten übernehmen. Diese Menschen sind eine unglaubliche Bereicherung für uns und unseren Alltag und wir freuen uns, dass wir diese Menschen, die eine schwierige Zeit hinter sich haben, auf diese Weise unterstützen können.

Meiner Meinung nach haben Unternehmen auch eine soziale Verantwortung gegenüber der Gesellschaft – und so können wir auch etwas zurückgeben. Wir engagieren uns nicht nur bei Refugees go solar+, sondern beschäftigen auch zahlreiche Mitarbeiter, die aus der Invalidenvorsorge wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden möchten. Die klettern bei uns natürlich nicht auf Dächern herum, sondern arbeiten im Büro – und diese Jobs werden dringender denn je benötigt. Denn die romantische Vorstellung, wir seien nur draussen beim Kunden bei der Installation, ist komplett falsch.

Können Sie das genauer erläutern?

Noah Heynen​​​​​​​: Etwa die Hälfte unserer Mitarbeiter arbeitet im Büro. Dies hauptsächlich, weil unsere Branche immer noch mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen hat. Ein Beispiel: Für eine PV-Anlage auf einem Einfamilienhaus sind teilweise über ein Dutzend Gesuche oder Behördengänge nötig. Die schlägt sich auch in den Kosten nieder: Rund zehn Prozent der Anlagenkosten sind rein auf die Bürokratie zurückzuführen.

Ende vergangenes Jahr machte Helion Schlagzeilen, dass das Unternehmen zum Stromhändler wird. Was waren die Beweggründe für diesen Schritt?

Noah Heynen: Anlagenbetreiber haben das Problem, dass ihr Überschuss nur zu einem sehr geringen Betrag eingespeist werden kann und dieser Betrag zudem von Jahr zu Jahr schwankt. Der Betreiber hat also wenig bis gar keine Planungssicherheit. Hier springen wir in die Bresche. Wir kaufen den Betreibern ihre Überschüsse ab und liefern sie an Grossverbraucher weiter. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Überschüsse werden zu einem fairen Beitrag abgenommen und der Verbraucher profitiert von einem stabilen Strompreis.

Zum Abschluss noch ein Blick in die Glaskugel. Wo sehen Sie Helion in zehn Jahren?

Noah Heynen: Ich glaube, dass die Themen Photovoltaik, Wärmepumpen, Ladestationen und deren Steuerung noch mehr zusammenwachsen werden und diese Energiedienstleistungen immer wichtiger werden. Hier wollen wir mit Helion die Branche mitentwickeln und mit gutem Beispiel vorangehen. So haben wir beispielsweise kürzlich unsere Nutzfahrzeugflotte elektrifiziert, das heisst, wir haben auf einen Schlag 100 VW ID.Buzz Cargo für unsere Monteure in Empfang genommen. Am Ende wollen wir eine komplett erneuerbare Schweiz. Denn wir wissen wie das geht – technisch wie wirtschaftlich.

helion.ch