Geteilter Solarstrom: Der grosse Trend?

Ab Januar 2026 wollen sich unzählige lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) organisieren. Das neue Konzept ist mehr als die Erweiterung von Zusammenschlüssen zum Eigenverbrauch (ZEV), sondern ermöglicht komplett neue Geschäftsmodelle. Die Hauptfragen, die sich dabei stellen sind: Werden LEG ein grosser, anhaltender Trend? Und was bedeutet das für Fachplaner und Installateure?

Corina
Beim Projekt «Corina» in Savièse wurde zuerst eine ZEV gegründet mit privaten Messgeräten und Eigenverbrauchsoptimierung. Danach wurde die ZEV auf die Nachbarschaft erweitert als vZEV mit Zählern des Netzbetreibers und Abrechnung mittels Zevvy.
Quelle: DSyde SA

Den Strom zwischen mehreren Bewohnern eines Mehrfamilienhauses zu teilen, war lange nicht erlaubt. Die Regelung wurde zwar gelockert, doch die Umsetzung erforderte die aktive Hilfe des zuständigen Verteilnetzbetreibers. Diese Praxismodelle wurden jedoch kaum realisiert.

Erst seit 2018 eine private Lösung in Form des ZEV ermöglicht wurde, kam eine Dynamik in Sachen geteilter Solarstrom. Und zwar sowohl beim privaten ZEV-Modell als auch bei den Praxismodellen. Überraschenderweise hat die Politik nicht den logischen Schluss gezogen, das eine Modell durch das andere abzulösen, sondern beide zu erlauben. Damit entstand paradoxerweise eine Art Konkurrenz zwischen einem Konzept «ZEV», dessen Spielregeln für alle gleich gelten, und dem VNB-Praxismodell.

Der Durchbruch

Die ZEV wurden zu einem Erfolgsmodell. Innerhalb weniger Wochen traten unzählige Lösungsanbieter auf den Markt. Es wurden mehr Solaranlagen gebaut, obwohl die Subventionen nicht stiegen. Die Planbarkeit der Amortisation verbesserte sich, und die Risiken für Investoren sanken. Laut den Beratern von «LCP-Delta» wurden bis Mitte 2023 mehr als 15 000 ZEV umgesetzt. Mittlerweile dürften die Zahlen noch stark gestiegen sein. Planer erhielten neue Lösungsoptionen für Solarprojekte, und Installateure konnten private Stromzähler verkaufen und installieren.

Die virtuelle Erweiterung

Eine weitreichende Neuerung gab es zum Start dieses Jahres: Seit dem Januar 2025 sind virtuelle ZEV möglich. Der Unterschied ist, dass nun auch im Bestand die bereits verbauten VNB-Zähler für ein ZEV genutzt werden können, und nicht alle Zähler durch Privat-Zähler ersetzt werden müssen. Insbesondere bieten sich solche Modelle an, um ein bestehendes ZEV zu erweitern oder Solarstrom an die direkte Nachbarschaft zu verkaufen. Allein auf der offenen Abrechnungsplattform «Zevvy» wollten im ersten Quartal 2025 Hunderte Projekte eine Lösung umsetzen. Das Interesse an diesem neuen Konzept scheint sehr gross und anhaltend zu sein.

Möglichkeiten und Druck für Fachplaner

Die ersten Erfahrungen mit vZEVs zeigen mehrere Herausforderungen für Fachplaner. So müssen diese zum Beispiel oft ermitteln, ob sich eher private Zähler in einer ZEV anbieten oder ob die Zählergebühren der VNB-Zähler einer vZEV günstiger sind. Es wird immer anspruchsvoller, eine klare Aussage zu treffen, wenn etliche unterschiedliche Konzepte geprüft werden müssen (VNB-Praxismodell, ZEV, vZEV und neu LEG). Unterstützung bietet hier beispielsweise die Plattform lokalerstrom.ch, die in Zusammenarbeit verschiedener Verbände entstanden ist, insbesondere um Fachleute zu unterstützen. Gleichzeitig steigt der Druck auf Planer, um die Bauherrschaft nicht in eine Sackgasse zu führen. Zahlreiche Abrechnungsdienstleister verbauen proprietäre Systeme anstelle von offenen Lösungen. Dadurch können Immobilienbesitzer über Jahrzehnte abhängig gemacht werden, wenn Fachplaner dies nicht rechtzeitig berücksichtigen. Zudem gehen ZEV-Projekte oft Hand in Hand mit Optimierungsbedürfnissen: Der Stromverbrauch soll dann stattfinden, wenn Solarstrom vorhanden ist oder sogar mit externen Regelenergieanbietern abgestimmt werden.

LEG
Das Konzept vom geteilten Solarstrom im Mehrfamilienhaus (ZEV) wurde ergänzt mit der Möglichkeit, sich virtuell in der Nachbarschaft (vZEV) oder über das ganze Dorf (LEG) zu organisieren.
Quelle: Bergerberg GmbH, Zevvy AG

Installateure vor Entscheidungen

Installateure, welche eine willkommene Marge aus dem Zählerverkauf generiert haben, werden die Umstellung auf vZEV bemerken. Bei vZEV werden die Zähler durch den Verteilnetzbetreiber verbaut. Bisher wurden vZEV vor allem bei bestehenden Projekten angewendet, um deren Profitabilität zu erhöhen. Es muss sich zeigen, ob die Installationsaufträge für Solaranlagen durch das neue Konzept zunehmen werden. Realistisch erscheint, dass insbesondere Installateure und Gebäudetechniker profitieren, die Kompetenzen aufbauen, um zusätzliche Dienstleistungen für vZEV oder LEG anzubieten. Dazu zählen Services im Bereich Eigenverbrauchsoptimierung über mehrere Gebäude hinweg oder die Abrechnung von vZEV. Der Verkauf und die Installation privater ZEV-Zähler könnten in den kommenden Jahren also zurückgehen.

Sind LEG der grosse Trend?

Allein auf leg-register.ch wurden in kurzer Zeit über 60 LEG registriert, um sich mit anderen Interessierten innerhalb derselben Gemeinde auszutauschen. Das Register wurde erstellt, weil viele LEG-Initianten aus der gleichen Gemeinde nichts voneinander wussten. Vermutlich ist dies nur die Spitze des Eisberges, da sich zahlreiche Initiativen im Verborgenen formieren. Gleichzeitig wurden aber auch viele Berater bei Ihren LEG-Vorprojekten im Jahr 2025 enttäuscht. Die Profitabilität war oft zu gering und der Aufwand zu hoch, um eine Umsetzung eindeutig zu rechtfertigen.

Dennoch dürften sich LEG in spezifischen Nischen nachhaltig durchsetzen, basierend auf zwei Faktoren:

  1. Grosse Solarprojekte unter Druck
  2. Gestaltungsfreiraum für Enthusiasten

Viele Investoren grosser Solarprojekte sind enttäuscht über die stark sinkenden Rückliefertarife. Da die Amortisation oft im Argen liegt, ist die Risikobereitschaft hoch, neue Konzepte umzusetzen. Sollten erste Pilotprojekte im Jahr 2026 erfolgreich verlaufen, könnte dies in den kommenden Jahren einen beträchtlichen Boom auslösen. Wenn Menschen mit viel Enthusiasmus auf Projekte mit viel Solarenergie treffen, kann viel entstehen. Der relativ flexible privatrechtliche Rahmen, in dem LEG umgesetzt werden dürfen, erlaubt das Ausprobieren neuer Geschäftsmodelle. Es dürfte also eine hohe Innovationsdynamik entstehen, insbesondere bei Konzepten mit zusätzlichem Mehrwert wie in den Bereichen Steuerung, Optimierung, Regelenergie oder politischer Partizipation.

Die LEG sind gekommen, um zu bleiben. Die Frage ist nicht, ob sie ein Trend sind, sondern nur, wie gross dieser Trend werden wird.

zevvy.org

Planungshilfen

In einer Gemeinde können fast beliebig viele LEG entstehen, welche nicht immer voneinander wissen. Verschiedene Planungstools sind entstanden, um diese Abklärung zu unterstützen:

  • leghub.ch ist eine Initiative verschiedener Energieversorger und bietet Lösungen für deren Versorgungsgebiet. Unter anderem den LEG-Check als digitale Planungsunterstützung.
  • leg-register.ch ist eine Initiative der Abrechnungsplattform Zevvy. Initianten können sich kostenlos auflisten lassen, unabhängig der Abrechnungslösung. Interessierte LEG-Teilnehmer können den Initianten eine Kontaktanfrage senden.
  • leg-app.ch ist eine Initiative des Unternehmens Ecolabor GmbH und bietet verschiedene Planungsinformationen.

Zevvy-Abrechnungsplattform

Zevvy ist eine führende Lösung zur Abrechnung von Solarstrom und anderen Energien. Hauptkundensegmente sind Gebäudetechniker (z.B. Pezag oder Prola) sowie Lösungen von Elektrizitätswerken (z.B. Enpuls oder EWZ), die unter eigenem Logo Abrechnungen anbieten. Für Immobilienbesitzer resultieren Vorteile, da die offenen Schnittstellen Abhängigkeiten (Lock-in) reduzieren im Vergleich zu üblichen proprietären Abrechnungslösungen. Der Autor ist Gründer und CEO der Zevvy AG.