An Wind mangelt es nicht

Das theoretische Schweizer Windpotenzial liegt bei etwa 30 TWh – genug, um als wertvolle Säule neben Wasserkraft und Solarenergie den heimischen Strommix zu ergänzen. Doch die Realität sieht ernüchternd aus: Gerade einmal 47 Windanlagen nutzen diese natürliche Ressource. Thomas Volken vom Amt für Energie im Kanton Thurgau, erklärt im Gespräch, warum die Windkraft in der Schweiz noch immer ein Schattendasein fristet und wie sich dies ändern liesse.

Windräder
Quelle: iStock

In unseren Nachbarländern produzieren Tausende Windenergieanlagen Strom, in der Schweiz nur deren 47. Das Potenzial für einen Ausbau wäre aber definitiv vorhanden, woran liegt diese Zurückhaltung?

Thomas Volken: Die umliegenden Länder, insbesondere Deutschland, konnten schon lange Erfahrungen mit der Windenergie sammeln. Dort sind sogar zahlreiche Windenergieanlagen bereits durch modernere Anlagen ersetzt worden, und das ohne grosse Nebengeräusche. Die Schweiz hat noch keine Tradition der Windenergienutzung. Dies gilt vor allem für die Deutschschweiz. Der grösste Teil der 47 Grosswindenergieanlagen steht in der französischsprachigen Schweiz. Auf dem Mont-Crosin konnten bereits drei alte durch modernere und leistungsstärkere Anlagen ersetzt werden. In Andermatt, in Haldenstein bei Chur oder in Charrat im Unterwallis kann die bestehende Stromerzeugung aus Windenergie erweitert werden. Diese Beispiele zeigen: Erfahrung baut Ängste ab und reduziert Vorurteile. Für die Entwicklung der Windenergie ist es deshalb entscheidend, dass neue Anlagen entstehen – selbst wenn es nur einzelne sind.

Welche Kriterien sind denn bei der Auswahl eines geeigneten Standorts für eine Windkraftanlage in der Schweiz entscheidend?

Thomas Volken: Als erstes Kriterium muss der Standort natürlich über gute Windverhältnisse verfügen. Diejenigen, die behaupten, dass die Schweiz für die Windenergienutzung nicht geeignet sei, blenden aus, dass sich die Technologie in den letzten zehn, zwanzig Jahren enorm entwickelt hat, sodass auch bei tieferen Windgeschwindigkeiten hohe Stromerträge erzielt werden können. Des Weiteren dürfen keine Ausschlusskriterien tangiert sein, beispielsweise Grundwasserschutzgebiete. Zudem muss ein potenzieller Standort gut erschlossen sein.

Wie komplex ist der Planungsprozess inklusive Genehmigungen für eine Anlage in der Schweiz?

Thomas Volken: Der Pla­nungsprozess für Windenergieanlagen unterscheidet sich nicht von anderen Grossprojekten. Es braucht in der Regel eine Zonenplanänderung und wie für jedes Bauprojekt eine Baubewilligung. Zudem ist für Grosswindanlagen eine Umweltverträglichkeitsprüfung zwingend.

Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Windkraftanlagen aus?

Thomas Volken Nimmt man die nationalen und kantonalen Abstimmungsergebnisse zum Massstab, ist der politische Wille, die erneuerbare Stromerzeugung aus einheimischer Energie auszubauen, sehr gross. Vielfach kippt diese Meinung jedoch, wenn es an einem Standort konkret wird. Dann gibt es grosse Bedenken und Ängste, die teilweise von den Gegnern auch durch Unwahrheiten geschürt werden. Das kurzfristige Ziel ist die Verunsicherung der Bevölkerung vor Ort. Weil die Erfahrungen fehlen, treffen solche Kampagnen auf fruchtbaren Boden. Oft ist es dann in solchen Situationen schwierig, mittels Aufklärung und fundierten Informationen die Bedenken zu zerstreuen. Langfristig geht es der Gegnerschaft meiner Meinung nach aber um ein Technologieverbot.

Bild
Thomas Volken
Thomas Volken vom Amt für Energie, Kanton Thurgau.
Quelle: Kanton Thurgau

Sie sprechen von grossen Bedenken. Wie sehen denn die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt wirklich aus?

Thomas Volken: Wie jede andere Stromerzeugungstechnologie oder Infrastrukturanlage bringen auch Windenergieanlagen Veränderungen mit sich. Ziel der Umweltverträglichkeitsabklärung ist es, die negativen Veränderungen durch Projektoptimierungen zu vermeiden, zu vermindern oder – wenn dies nicht möglich ist – zu kompensieren. Solange ein Windparkprojekt nicht umweltverträglich ist, kann es nicht realisiert werden.

Was bleibt, ist die Veränderung der Landschaft. Diese ist aber seit Langem stetig im Wandel und jeweils ein Spiegelbild der Bedürfnisse des Menschen, die sich im Laufe der Zeit verändert haben. Windenergieanlagen widerspiegeln das Bedürfnis, Strom aus einheimischer erneuerbarer Energie zu produzieren.

Ein weiteres emotionales Thema ist der Schattenwurf der Anlagen sowie etwaige Schallemissionen. Was gibt es hierzu zu erwähnen?

Thomas Volken: Zum Schattenwurf gibt es Empfehlungen des Bundes, an die sich heute alle Projektanten halten: maximal eine halbe Stunde an einem Tag, maximal acht Stunden pro Jahr. Werden diese Werte überschritten, werden die Anlagen automatisch abgeschaltet und schalten erst wieder ein, wenn der bewegte Schatten des Rotors nicht mehr auf das betroffene Gebäude fällt.

Was an Schallemissionen im hörbaren Bereich zulässig ist, wird durch die Lärmschutzverordnung geregelt. Ab 300 m Abstand zu einer Windenergieanlage ist diese in der Regel nicht mehr zu hören. Der tieffrequente nicht hörbare Schall (Infraschall) ist dadurch indirekt auch abgedeckt. Werden die Grenzwerte im hörbaren Bereich eingehalten, bestehen auch in Bezug auf den Infraschall keine Bedenken.

Welche Strategien könnten helfen, die Akzeptanz für Windkraftanlagen in der Bevölkerung zu erhöhen?

Thomas Volken: Aus meinen eigenen Erfahrungen ist der Auftritt der Projektentwickler von Beginn weg sehr wichtig. Die Mitwirkung der lokalen Bevölkerung ist zentral, die Bevölkerung muss spüren, dass es vonseiten des Projekts einen gewissen Spielraum gibt. Ganz wichtig ist, die Bevölkerung am Projekt zu beteiligen. Sie sollen sich am Eigen- oder Fremdkapital beteiligen und von den Erträgen profitieren können. Eine andere Möglichkeit besteht in Stromabnahmeverträgen mit den lokalen Elektrizitätswerken, die so einen Teil ihres Preisrisikos bei der Energiebeschaffung abfedern können, was der Bevölkerung zugutekommt. Ich stelle fest, dass das Thema ‹Beteiligung auf Projektantenseite› sehr unterschiedlich beurteilt wird. Für die einen ist es selbstverständlich, solche Modelle anzubieten, bei anderen sprechen offensichtlich interne Vorgaben dagegen. Ich denke, dass Akzeptanz ohne Beteiligung schwierig wird, und ich bin überzeugt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Welche wirtschaftlichen Chancen bietet die Windenergie für die Schweizer Energiewende? Und wie rentabel sind Windkraftprojekte im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien?

Thomas Volken: Sprechen wir zuerst über die volkswirtschaftliche Bedeutung. Wer das Wetter beobachtet, merkt, dass sich Sonne und Wind gut ergänzen. Zusammen mit der Wasserkraft bilden Photovoltaik und Windenergie ein Trio, das gut zusammenspielt. Beim Wind kommt dazu, dass er im Winterhalbjahr häufiger und stärker weht. Deshalb produzieren Windenergieanlagen zwei Drittel ihres Stromertrags im Winterhalbjahr. Für die Gewährung der Stromversorgungssicherheit im Winter spielt die Windenergie deshalb im Zusammenspiel mit den anderen Technologien eine wichtige Rolle. Je mehr Strom aus Windkraft erzeugt wird, desto weniger saisonale Speicherkapazität ist notwendig.

Zur Rentabilität lässt sich sagen, dass die Gestehungskosten von Windenergiestrom heute bei 6 bis 8 Rp/kWh liegen, Tendenz sinkend. Sie ist damit günstiger als die Wasserkraft und nur leicht teurer als Strom aus grossen Solarstromanlagen.

Wie sehen Sie die Rolle der Windenergie in der zukünftigen Schweizer Energiestrategie?

Thomas Volken: Die Regulierungsbehörde ElCom fordert seit Langem, winterstromfähige Produktionsarten zuzubauen. Windenergie ist zu zwei Drittel Winterstrom. Die Dekarbonisierung des Energiesystems (Stichwort Netto-Null bis 2050) bei gleichzeitiger Gewährung der Versorgungssicherheit kann nur gelingen, wenn die Schweiz auf Stromproduktion aus eigenen erneuerbaren Ressourcen setzt. Zu beiden Zielen kann die Windenergie einen wichtigen Beitrag leisten. Sie zu nutzen ist nicht eine Frage der Potenziale, sondern eine Frage des politischen Willens.

Welche Entwicklungspotenziale sehen Sie für die Windenergie in der Schweiz in den nächsten zehn Jahren? Das neue Stromversorgungsgesetz rechnet mit über 200 Anlagen, ist das realistisch?

Thomas Volken: Der Bund ist daran, Ausbauziele für einzelne Stromerzeugungstechnologien zu formulieren. Gemäss Angaben des Bundes sind schweizweit 24 Projekte im Bewilligungsverfahren. Ich gehe davon aus, dass diese Projekte in den nächsten zehn Jahren realisiert werden können. Das wären rund 1 TWh Jahresstromerzeugung. Heute produzieren die eingangs erwähnten 47 Anlagen rund 0,2 TWh Strom pro Jahr. Weitere 42 Projekte befinden sich in Planung mit einem geschätzten Ertrag von rund 1,3 TWh. 200 Windenergieanlagen in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren erachte ich als realistisch. Wie gesagt: An Wind, an Standorten, am Investitionswillen und an Projekten mangelt es nicht.

energie.tg.ch